Wir standen in einem großen Saal, ohne Fenster oder Türen. Lediglich kahle weiße Wände waren zu sehen, die sich bis ins unendliche zu erstrecken schienen. Die Stille war erdrückend und der Boden unter meinen Füßen fühlte sich seltsam kalt an. Jays Gesicht war reglos, seine Augen suchten die Leere ab, als würde er auf etwas warten. Mitten im Raum stand ein einzelner Klavierflügel, auf desen Bank er sich sinken ließ und er begann, darauf zu spielen. Die Melodie war tief und melancholisch. Ich verlor mich in ihrem Klang und ließ mich mit geschlossenen Augen ganz davon einhüllen. 
Abrupt verstummte die Musik und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Als ich die Augen öffnete und in eine dunkle Ecke starrte. Zwei rote Punkte funkelten mir kalt und unheilvoll entgegen. Plötzlich schlugen Flammen aus dem Klavier. Mit einem ohrenbetäubenden Knall zersprang es direkt vor meinen Augen. Glühende Splitter flogen quer durch den Raum, während die Hitze um mich herum unerträglich wurde.Nach Luft schnappend suchten meine Augen Jay, der reglos an der Wand stand. Seine Hände hatte er, wie festgefroren an den Seiten. In seinen Augen spiegelten sich Wut und Verzweiflung, denn er konnte sich nicht bewegen. Die Panik in meiner Brust wuchs, doch ich konnte mich selbst kaum rühren. Die roten Punkte veränderten sich und wurden zu katzenartigen Pupillen, die mich unnachgiebig fixierten. Verzweifelt kämpfte Jay gegen die unsichtbare Macht, die ihn an die Wand presste. Seine Muskeln spannten sich an, sein Gesicht verzog sich vor Anstrengung, doch es war vergeblich. Das Symbol des Feuers flammte an der Wand neben ihm auf. Und dann fing er an zu brennen. 

»Jay!«, rief ich. Meine Stimme brach und von Jay blieb nur ein schwarzer Abdruck, mit weit ausgebreiteten Engelsflügeln an der Wand zurück. Die roten Augen kamen näher und ihre unheimliche Präsenz ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich keuchte, denn die Hitze, der Rauch und die Angst drückten schwer auf meiner Brust. Ein Flüstern kroch durch die Dunkelheit und umschmeichelte meinen Namen. Bellena, vertraue niemanden.

Seufzend schloss ich die Augen.
»Wie geht es dir?« 
Verwirrt sah ich mich um, nachdem ich eine mir vertraute Stimme vernahm. Mit angewinkelten Beinen saß sie auf dem Boden und sah in die Ferne. Neben ihr ging ich in die Hocke und betrachtete sie von der Seite. »Wieso bist du hier?«
»Ich genieße die Aussicht.« Ihre wunderschönen bernsteinfarbenen Augen trafen direkt auf meine. »Was dagegen, wenn ich dir Gesellschaft leiste?«
Sie lachte. »Auf einmal legst du Wert auf meine Meinung?«
»Ich werde mich nie wieder über sie hinwegsetzen.«
Skeptisch sah sie mich an. »Das sagst du nur, weil du mich vermisst.« Sie legte ihren Kopf schief, bevor sie ihren Blick erneut in die Ferne richtete. Ein Windhauch erfasste uns, der sie die Beine näher an ihren Körper heranziehen ließ, um sich zu wärmen. Damit sie nicht fror, setzte ich mich neben sie und legte ihr meine Jacke um, bevor ich sie in meine Arme zog. Ein leises »Danke« hauchend, bettete sie ihren Kopf an meine Schulter. Einige Minuten blieben wir still beieinander sitzen und beobachteten den Sternenhimmel. »Habe ich dir je von meiner Oma erzählt?«
»Nein, bisher nicht.«
»Sie war etwas ganz Besonderes für mich. Sobald es mir schlecht ging, hatte sie jedes Mal einen passenden Ratschlag parat. Sie waren zwar nicht immer schlüssig, aber trotzdem hilfreich, sodass ich mich besser fühlte.« Nach einer kurzen Pause sprach sie weiter. »Weißt du, was sie mir über die Liebe erzählt hat? Na ja, es war nicht ihre Weisheit. Ich schätze, sie hatte es aus einem Buch oder einem Film. So genau weiß ich es nicht mehr.«
»Okay, und was sagte sie darüber?«
»Die Liebe ist eine kraftvolle Energie, die uns zu außergewöhnlichen Taten treibt. Sie gibt uns die Stärke, auch in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben. Durch die Liebe finden wir den Mut, Herausforderungen zu meistern und Veränderungen zu bewirken. Sie verbindet Menschen auf eine Weise, die oft jenseits von Worten liegt und vermittelt uns das Gefühl, dass alles im Leben möglich ist. Um die Liebe lohnt es sich zu kämpfen, denn alles ist so vergänglich wie Gras, auch der Mensch. Es ergeht ihr wie die Blume im Steppenland. Ein heißer Wind kommt, schon ist sie fort und wo sie stand, bleibt keine Spur von ihr. Nur wenn wir lieben, sind wir unsterblich.« Sie löste sich ein wenig aus meiner Umarmung, um mich anzusehen. »Egal, was vorgefallen ist oder noch passieren wird, gib nicht auf. Handle nicht impulsiv und unternimm keine Alleingänge. Sie sind unsere Freunde, unsere Familie. Genau wie du wollen sie mir helfen. Du musst nicht all das allein austragen. Vertraue ihnen, so wie ich dir vertraue. Jay, ich bitte dich, niemals an uns zu zweifeln. Nur so können wir bald wieder zusammen sein.«
»Ich verspreche es dir.« Sanft drückte ich ihr einen Kuss auf die Schläfe.
»Jay?«, erklang es aus der Ferne. Ich verdrehte die Augen. »Warum kann man hier eigentlich nie seine Ruhe haben?«
»Vielleicht ist der Moment noch nicht gekommen, dass wir unsere Zweisamkeit genießen können. Es gibt bis dahin noch so viel zu klären.«
»Jay?«, rief es nun schon deutlich lauter.
Bellena legte mir ihre Hand auf die Wange und raunte: »Du solltest gehen.«
»Aber ich möchte nicht gehen. Ich …«
»Jay, jetzt wach endlich auf.« Unvermittelt stand Nathan über mir, als ich die Augen aufriss. »Bei dir kann die Welt untergehen und du würdest die Zeit immer noch lieber im Traumland verbringen. Steh besser auf, wir haben ein Problem.«